Neu im Februar 2016

 

 

 

ISBN 978-3-00-051819-5

 

Neu im Februar 2016 !!


 

 


 

 

 

 

 

 

Aus meinem Buch

Brandenburgs berühmte Töchter und Söhne
Wartberg Verlag, September 2011

 

 Dieses und alle anderen Bücher können Sie käuflich bei mir über das Kontaktformular erwerben

 

 

Eine Reihe von Brandenburgern ist berühmt geworden. Sie haben Bauten und Kunstwerke erschaffen, wie Karl Friedrich Schinkel und Jakob Philipp Hackert, sie verfassten Weltliteratur, wie Heinrich von Kleist und Gottfried Benn, hielten uns satirische Spiegel vor wie Loriot. Sie haben Dinge erfunden, die aus unserem heutigen Leben nicht wegzudenken sind, wie das Anilin, die Kleinbildkamera und die Reißzwecke, und sogar ganze Industrien begründet, wie der Chemiker Ernst Schering. Sie suchten ihr Glück in der Nähe der Mächtigen, wie Samuel Bleichröder und Gustav Noske, trugen große Ideen in die Welt wie Wilhelm von Humboldt, legten Zeugnis von Mut und Unrecht ab wie die Jüdin Inge Deutschkron.

 

 

 


 

Inge Deutschkron (*1922)

„... die anderen können ja nicht mehr reden ...“

 

 „... will ich versuchen, nachträglich für Dich ein Tagebuch zu führen, damit Du miterleben kannst, was uns in diesen furchtbaren Jahren unserer Trennung hier geschah. ...“ So beginnt der Bericht einer Tochter, den sie für ihren Vater schrieb, einen Gymnasiallehrer aus der Niederlausitz. Die Tochter war bei seiner Veröffentlichung 56 Jahre alt und der Vater schon tot. Das 1978 erschienene Buch „Ich trug den gelben Stern“ wurde ein Bestseller. Es ist nach den Worten ihrer Verfasserin dem „Widerstand der kleinen Leute“ gewidmet, den Menschen, die in der Nazi-Zeit Juden halfen, aus Humanität, oft ohne politische oder religiöse Bindung, „stille Helden“, ohne die Inge Deutschkron nicht überlebt hätte.

In der Pogromnacht am 9. November 1939 klingelt die Gestapo auch in der Berliner Hufelandstraße und will den Juden und Sozialdemokraten Martin Deutschkron mitnehmen. Die Familie Deutschkron lebt in Berlin, seit der Vater 1933 aus dem Schuldienst in Finsterwalde, Inges Geburtsstadt, entlassen wurde. Zum Glück ist er nicht zu Hause. Doch er ist nun endlich bereit zu emigrieren. Die Kaution, die eine Cousine in England stellen muss, reicht nur für ihn. Die 17-jährige Inge und ihre Mutter Ella bleiben in Berlin. Anfangs geht Inge trotz Verbots für Juden noch in die Oper und ins Kino. Im November 1942 tauchen Mutter und Tochter in den Untergrund ab. Sie wechseln dauernd ihre Verstecke, erleben Hilfe und Verrat, Kurioses und Erschütterndes. Beide überstehen den 27. Februar 1943, den Tag der sogenannten Fabrik-Aktion, an dem die letzten Berliner Juden abgeholt werden. Alle. Inge kann es von ihrem Versteck aus beobachten und fühlt sich seitdem schuldig, wie viele Überlebende. Sie arbeitet in der Blindenwerkstatt von Otto Weidt am Hackeschen Markt. Weidt lässt dort von etwa dreißig blinden und taubstummen Juden Besen und Bürsten herstellen, die er gegen von den Nazis gesuchte Waren eintauscht. So kann er einige „seiner“ Juden vor der Deportation retten. Später schickt er den Deportierten Päckchen nach Theresienstadt.

Bei Kriegsende schließen sich Inge Deutschkron und ihre Mutter einem Flüchtlingstreck aus dem Osten an und erzählen den Behörden, sie hätten unterwegs ihre Papiere verloren. So können sie überleben. Nach 1945 wird Inge Mitglied der SPD und schafft sich neue Feinde durch ihr Engagement gegen die Zwangsvereinigung von SPD und KPD. 1946 dürfen Mutter und Tochter nach England ausreisen. Inge Deutschkron bleibt acht Jahre, arbeitet bei der Sozialistischen Internationale, reist ein Jahr durch Indien und Burma und wird 1958 Korrespondentin der israelischen Zeitung Maariv in Bonn. Sie berichtet vom Auschwitz-Prozess 1963–1965 und kommentiert die westdeutsche Entwicklung: „Der Geist des Nationalsozialismus lebte fort.“ In der Studentenbewegung von 1968 sieht sie eine Hoffnung, muss aber entsetzt feststellen, dass die jungen Linken den Staat Israel als einen imperialistischen Ableger der USA ablehnen. Enttäuscht wandert sie 1972 nach Israel aus, arbeitet dort weiter als Journalistin. 1988 schlägt ihr das Berliner Grips-Theater vor, „Ich trug den gelben Stern“ als Theaterstück aufzuführen. „Ich erinnere mich genau, ich war sofort begeistert“, erzählt sie. Enthusiastisch begleitet sie die Proben an dem Jugendtheater. Das Stück „Ab heute heißt Du Sara“ wird ein großer Erfolg.

Inzwischen lebt Inge Deutschkron als freie Schriftstellerin wieder in Berlin, im Bezirk Charlottenburg, hält Lesungen und Vorträge, insbesondere vor Jugendlichen. Mit ihren Büchern und mit der 2006 in Berlin gegründeten Stiftung, die ihren Namen trägt, will die heute fast 90-Jährige zur Zivilcourage ermutigen. Manchmal wird sie in ihre Heimatstadt Finsterwalde eingeladen. Dann erzählt sie dem Publikum in Berliner Dialekt von den stillen Helden, vor allem von dem mutigen Bürstenbinder am Hackeschen Markt. Sie hat durchgesetzt, dass an seiner ehemaligen Werkstatt eine Gedenktafel angebracht wurde und zu seinen Ehren den Förderverein „Blindes Vertrauen e.V.“ gegründet. 2001 veröffentlichte sie zudem das Bilderbuch „Papa Weidt. Er bot den Nazis die Stirn“. „Von Anfang an wollte ich es schreiben, weil ich der Meinung war, ich hätte eine Verpflichtung als Überlebende, die anderen können ja nicht mehr reden, nicht wahr...".

 


 

 

Johann Kirsten

Große Ideen im märkischen Hinterhof

 

Große Ideen entstehen bekanntlich in den kleinsten Garagen. Keinesfalls nur im kalifornischen Palo Alto, wo geniale Studenten die ersten PC’s bauten. Oh nein, auch in märkischen Hinterhofwerkstätten entstand Einmaliges. Sie müssen nur bis Lychen fahren. Bei der Stadt liegt der Wurlsee, und auf einer Halbinsel das Hotel Lindenhof. Da sehen sie es: eine zweieinhalb Meter hohe rostige Stele mit einer riesigen Reißzwecke darauf. In Lychen gibt es sogar Reißzwecken in 150facher Vergrößerung als touristische Hinweisschilder. Und an einem alten Haus in der Berliner Straße 13 ist ein Schild: „Um das Jahr 1900 lebte in diesem Haus der Uhrmacher Johann Kirsten. Er erfand die Reiß- oder Heftzwecke (Pinne).“

Viel weiß man heute über den Uhrmacher nicht. Er hat kein Grab in Lychen. Alten Berichten nach war er ein trinkfreudiger, kauziger, chaotischer Typ. Deshalb brachte er in seiner Werkstatt gerne Merkzettel mit Nägeln an. Weil die eher den Daumen trafen als die Wand, setzte er im Jahre 1902 oder 1903 ein gewölbtes Stück Blech auf einen kurzen Nagel und nannte den Stift Pinne. Er ließ zwei Arbeiterinnen Pinnen produzieren, aber dann verkaufte er die Erfindung an die Lychener Metallkurzwarenfabrik Lindstedt. Deren Inhaber verbesserte die Pinne, so dass sich der Stift nicht mehr durch das dünne Metallplättchen bohrte. Am 8. Januar 1904 meldete Otto Lindstedt die „Heftzwecke“ zum Patent an. Zwischen 6000 und 7000 Stück produzierte eine Arbeiterin pro Tag, entweder in der Fabrik oder in Heimarbeit. Lindstedt wurde Millionär und exportierte die „Original-Record Sicherheits-Reissbrettstifte“ nach ganz Europa. Am 30. April 1945 brachte Lindstedt sich und seine Familie aus Angst vor den Russen um.

Die Produktion ging aber weiter. Im „VEB Metallwarenfabrik Lychen“ am Seeufer stellten Arbeiterinnen und später Stanzautomaten bis 1966 „feinste Reißnägel“ namens „Lymefa“ her. Nach der Wende erinnerten sich die Lychener wieder an ihre Reißzwecken. Aus Begeisterung gründeten sie sogar eine „AG Reißzwecke“. Und eigentlich ist es ja auch wunderbar. Obwohl heute kein Architekt mehr Pläne an ein Reißbrett pinnt und Studenten ihre „Pinnwände“ im Internet bei Facebook haben, ist die Reißzwecke allgegenwärtig. Machen Sie nur Ihre Schubladen auf! Da liegt eine Schachtel voll. Und denken Sie dann ruhig mal an den schrulligen Uhrmacher Johann Kirsten. Der hat nämlich am Welterfolg seiner Erfindung keinen Pfennig verdient.

  

 

 


 

Aus meinem Buch:

Brandenburgs Rathäuser. Geschichten und Anekdoten

Wartberg Verlag 2010

 

ISBN 978-3-8313-2125-4        11 €

 

"Gudrun Küsel beschreibt die vierzehn Stationen ihrer Rathausreise in einer gut reflektierten, mit Witz und Sarkasmus gewürzten Sprache. Dank einer Nichte an ihrer Seite könnte man gar von Gestaltungen sprechen, von großstädtischen, klar! Da lernt selbst der markigste Märker eine ganze Menge dazu."  Potsdamer Neueste Nachrichten 20.11.2010

 

 

Brandenburg an der Havel

Kirchenmaler und Latte Macchiato

 

Der Mann ist an den Händen gefesselt. Er muss sich auf einen Steinsockel mit einer Vertiefung setzen. Er hört ein metallisches „klack“. Das Halseisen ist in den Ring an der Wand eingeschnappt. Die Tür geht zu. Es wird stockdunkel in dem anderthalb mal zwei Meter großen Verließ. Keine Sorge! Dies ist keine mittelalterliche Schauergeschichte, sondern ich selbst habe mich in das Verließ im Turm gesetzt und ein bisschen fantasiert. „So musste man hier wirklich auf seinen Prozess warten“, sagt die nette Kunsthistorikerin, die mich im Brandenburger Rathaus herumführt. Das Gruseln schenke ich mir. Haben Sie schon mal ein paar Stunden in der Arrestzelle einer Polizeiwache verbracht? Nein? Das ist zu allen Zeiten und in jedem Land eine trübselige Erfahrung.

Im backsteinernen Rathaus am Alten Markt dagegen ist alles hell. Sogar die alten Steine aus dem 15. Jahrhundert sehen aus wie frisch hellrot eingefärbt. Sie sind nur mit einer dünnen neuen Putzschicht überzogen, sodass man hindurchsehen kann.Zum Rathaus gehört auch das „Ordonnanzhaus“ nebenan, ein Wohn- und Speicherhaus aus der Zeit um 1300. Es ist das älteste und größte mittelalterliche Bürgerhaus der märkischen Städte. Im Dachgeschoss ist ein Sitzungssaal. Er ist supermodern.

„Ich find’s kalt!“, sagt Fiona.

Fiona! Das habe ich vergessen zu erwähnen Meine Nichte hat beschlossen, mich auf dieser Reise zu begleiten. Zum Zeitvertreib. Fiona ist vierundzwanzig, hat Informatik studiert und keinen Job. Sie hat eine schwarze Lacklederjacken und Lackstiefel an, weiß alles über Computer und nichts über Geschichte. Das kann was werden!

Diesmal hat sie recht. Es ist kalt hier. Wir haben März. Der Dachstuhgl von 1483 besaß natürlich keine Wärmedämmung, sodass es immer zu warm oder zu kalt war. Beim nächträglichen Einbau einer Dämmung wurde ein "denkmalverträglicher Kompromiss" gewählt. Deshalb müssen sich die städtischen Angestellten bei ihren Debatten manchmal warm anziehen.

Wie in allen alten Gebäuden gibt es auch im Brandenburger Rathaus ein geheimes Ecklein. Genauer - es gab eins. Das Ordonnanzhaus verfügte seit seinem Umbau um 1470 herum über allerhand Luxus: hohe Dielen, Kreuzrippengewölbe, Kapelle - und eine lauschige Trinklaube mit floralen Gemälden und Trinksprüchen an den Wänden. Die Restauratorin dieser Bemalung fand 2006 eine eingemauerte bunte Tabakdose mit einem Zettel darin. Ihr Restauratorkollege von 1912 hatte der Nachwelt eine verärgerte Botschaft hinterlassen. Ihm war ein Auftrag geplatzt: „Umstehende Skizze wurde am 9. Mai 1912 hier eingemauert gelegentlich der Ausbesserung dieser alten Malerei von 1470 durch den Kirchenmaler Ernst Dietrich aus Berlin. Die Skizze stellt eine Gedächtnistafel dar für Engelbert Wusterwitz. Diese Tafel sollte in der Katharinenkirche aufgehängt werden. Jedoch wurde das Vorhaben durch das Dazwischentreten von Herrn Blaue inhibiert. Brennaburg 9. Mai 1912.“ Dafür, dass der Mann schwer beleidigt war und die Aufdeckung des Verstecks nicht befürchten musste, hat er sich eigentlich sehr sanft ausgedrückt. Der Respekt vor der Obrigkeit war damals tief in die Herzen eingegraben. Die Tabakdose steht bei der netten Kunsthistorikerin im Büro. Das kleine Blechgefäß markiert einen wichtigen Einschnitt in der Geschichte des Gebäudes. Vor der Restaurierung im Jahre 1912 war das Rathaus fast zweihundert Jahre lang dem Verfall ausgeliefert.

Brandenburg ist die älteste Stadt der Mark. Die „Brandenburg“ gehörte abwechselnd Slawen und Germanen und fiel 1157 endgültig an Albrecht den Bären. Er nannte sich fortan Markgraf von Brandenburg. Mitte des 12. Jahrhunderts entwickelte sich am westlichen Havelufer eine Ackerbürgersiedlung. Sie erhält 1170 Magdeburger Stadtrecht samt Zollfreiheiten. Landesherren gründeten damals gerne Städte. Das heißt, sie ließen kleine Siedlungen in der Nähe von Burgen planmäßig ausbauen. Mit den verteidigungsbereiten Stadtbewohnern konnten sie ihren Besitz befestigen. Als Konkurrenz zur königlichen Brandenburger Altstadt gründete Markgraf Otto I., der Sohn des „Bären“, fünfundzwanzig Jahre später auf der östlichen Uferseite die Neustadt Brandenburg. Erst Jahrzehnte später entstanden die Städte Berlin, Spandau, Cölln, Frankfurt, Angermünde, Gransee und andere.

Die beiden Brandenburg-Städtchen betrachten sich Jahrhunderte lang als Rivalen. Im Jahr 1314 treten sie getrennt der Hanse bei. Immerhin errichten sie einen gemeinsamen Schöppenstuhl als oberstes Gericht der Mark Brandenburg. Das Gebäude stand genau auf der Trennungslinie zwischen Neu- und Altstadt, an der Langen Brücke, direkt im Fluss. Aus Gründen der Gerechtigkeit. Im Jahr 1700 stürzt das Gebäude ein. 1714 wird Brandenburg Garnisonstadt. Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. befielt die lange überfällige Vereinigung beider Städte. Die Verwaltung zieht in das Neustädtische Rathaus um. Der Niedergang der Altstadt beginnt.

Das Altstädtische Rathaus steht erst leer, dann wird es nacheinander Wache, Stofffabrik, Kornmagazin, Kreisgericht, Kleiderkammer und Arrestzelle für das Militär. Von den gotischen Zierformen ist nichts mehr zu sehen, als es 1904 wegen Baufälligkeit geräumt wird. Die Stadt kauft das Rathaus zurück. Die Wiedereröffnung des Rathauses 1912 ist Höhepunkt der Hohenzollern-Jubelfeiern in diesem Jahr. Heute ist es der Amtssitz für die ganze Stadt.

Das Rathaus in der Neustadt gibt es nicht mehr. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Aber im Herzen der Brandenburger sind Altstadt und Neustadt immer noch nicht so ganz dasselbe. „Sogar die Touristen machen an der Jahrtausend-Brücke halt, weil sie denken, dahinter kommt nichts mehr“, sagt die Kunsthistorikerin Anja Castens, „die wissen gar nicht, wie schön es hier ist."

Von den Fenstern des Rathauses aus blickt man auf den Marktplatz, der früher viel größer war als jetzt. Gleich links steht das alte Inspektor-Wohnhaus aus dem Jahre 1742, das jetzt ein Restaurant ist. Ein altes weißes Giebelhaus beherbergt das kleine Café Undine und die Stadtbücherei. Im Café gibt es selbstgebackenen Kuchen und die Besitzerin mag große Hunde. Als einzige Tageszeitung für die Gäste liegt die „TAZ“ aus.

„Latte Macchiato, bitte!“

Fiona schlägt ihre Beine in den kniehohen Lackstiefeln übereinander und atmet tief durch.

Der altertümlich gekleidete Mann am Nebentisch amüsiert sich sichtlich über Fiona. Als habe er die „Inhibierung“ seines Auftrags verziehen. Plötzlich ist er weg.

 

 

 

 
 


 

 


 Das Kurz-Porträt des späteren Bewerbers um das Amt des Bundespräsidenten, Peter Sodann, wurde von der "Bild der Frau" 1995 als zu "ost-freundlich" bewertet. Eine beherzte Berliner Redaktionsleiterin druckte es trotzdem.

 

Peter Sodann: Warum ich mich jetzt mit dem Leben beeilen muss

von Gudrun Küsel    /  Bild der Frau Nr. 15 v. 10. April 1995


    Seine Vier-Zimmer-Wohnung in der Hallenser Altstadt sieht „Tatort-Kommissar Ehrlicher“ Peter Sodann (59) nur spät abends. Ein Schwätzchen mit Lebensgefährtin Cornelia (39), ein Radeberger Pils, eine halbe Stunde lesen – mehr Zeit für Privatleben bleibt ihm nicht. Vierzehn Stunden Arbeit – das ist sein Tag. „Und das ist gut so“, sagt er. „Ich mag keine Leute, die immer nur an sich selbst denken. Den „Ehrlicher“ hat man ihm auf den Leib geschrieben: ein eigenwilliger Mann mit großem Herzen. Nach außen hin eher spröde, aber innen drin ein Energiebündel, wenn es darauf ankommt, die eigenen Ziele und die Rechte anderer durchzusetzen.

   Genau das hat er mit dem „Rat der Spötter“ schon früher getan. Dieses Kabarett-Theater gründete er mit 23 Jahren, um sich lustig zu machen über die Macht und die Mächtigen in der DDR. Deren Antwort: zehn Monate Einzelhaft und vier Jahre Bewährung. „Heute bin ich nicht mehr so radikal wie in meiner Jugend. Dafür bin ich jetzt klüger. Ich habe mich nicht verändert, aber ich richte mein Leben manchmal neu ein.“ Wie das geht? „Na, ganz einfach, ich habe wieder ein Theater gebaut“.

   Das „neue theater“ in Halle: Peter Sodanns Büro ist sparsam möbliert. Schreibtisch, Waschbecken, Bücher auf den Fensterbrettern. „Ich habe meine Theater für die Bürger dieser Stadt gebaut. Ich will Freude verbreiten und die Bürger so zum Nachdenken zwingen.“

   Voller Stolz führt der die Besucher durch seine „Kulturinsel“. Durch das verschnörkelte weiße Säulenportal mit der Inschrift: „Wer des Weges kommt, trete ein.“ Und dann ganz eilig zu seinem Lieblingsplatz. Über Treppenstufen und verwinkelte Durchgänge. Vorbei an dem blauen Trabant mit dem Transparent „Vorwärts und nicht vergessen“. Durch den Bierkeller, das Café, die Galerie und den Hotelkomplex, der gerade gebaut wird. Hinauf zum Solardach. Zu dem goldenen Türmchen, in dem eine richtige Kirchenglocke morgens die Theaterprobe und abends die Vorstellung bis weit in die Stadt hinein einläutet. Peter Sodann, der Rastlose?  „Weiß nicht“, sagt er, „manchmal muss man sich mit dem Leben beeilen.“ Zufrieden, aber ohne Eitelkeit fügt er hinzu: „Ich bin doch ein reicher Mann. Ich gehe durch die Stadt, und die Leute grüßen mich.“ Hat Peter Sodann Angst vor dem Altwerden? „Ich komme überhaupt nicht dazu, darüber nachzudenken. Außerdem weiß ich gerade mal, was jetzt ist.“

   1981 kaufte er ein paar Ruinen in der Hallenser Innenstadt. Seitdem ist er – der Schauspieler – Bauleiter, Maurer, Schauspieldirektor, Regisseur und Manager in einer Person. „Was du nicht selber tust, das tut kein anderer für dich“, sagt er so lapidar, dass es schon fast wieder weise klingt. In drei Jahren soll der Bau fertig sein. Dann will er wieder Theater und im Fernsehen spielen.

   Wenn er sich nach Ruhe sehnt, dann ist da das kleine Haus mit dem großen Garten davor. Weinböhla bei Meißen. Hier tankt er jeden Sonnabend auf. „Dann pflanze ich einen Baum.“ Sagt er ein wenig pathetisch. Tannen, Birken, ein Vogelbeerbaum und ein Gingko – fünfzig Bäume sind es mit der Zeit schon geworden, ein kleines Wäldchen. „Bloß keine Obstbäume, denn niemand in der Familie hätte Zeit, das Obst einzuwecken.“

   Die Familie – das sind Sodanns vier Kinder aus erster Ehe: Tina (31), Susaanne (28), Franz (21) und Karl (18). Franz bewirbt sich gerade an der Schauspielschule, Susanne leitet die Gastronomie in seinem Theater. „Das hat sich so ergeben, aber ich will keinen Familienbetrieb. Meine Kinder sollen ihre eigenen Wege gehen.“ Verstohlen blinzelt er vom verwinkelten Bühnendach in die Silhouette der Hallenser Innenstadt. „Die Menschen da unten suchen ihre neue Identität. Ich will ihnen dabei ein wenig helfen. Klar, ich laste ihnen mit meiner Kunst vielleicht mehr auf, als die vertragen. Aber Hut ab, sie kommen in mein Theater.“

 

 


 Meine Krimi-Geschichte hat auch was mit der deutschen Vergangenheit zu tun....

 

 

Gudrun Küsel

Das Salz der Tränen

 

Aus der Anthologie "Mit Zorn, Charme & Methode"
Fischer Taschenbuch Verlag, 1992

 

 

 

   Die Erinnerung an das Blut wurde langsam schwächer. Zwischen den Beinen des Mannes. Da, wo einmal der Schwanz war. Seine Ho­sen waren halb herunterge­zogen. Kashmir. Gucci-Schuhe. Seltsa­merweise waren die Hoden nicht entfernt worden, was das Absurde des An­blicks steigerte. Dicht neben dem Mann ein blu­tiges Stück­chen Fleisch. Ich hatte mich einen Moment lang an indonesische Wunderheiler erinnert, die Schweins­blasen aus dem Ärmel zauber­ten, um eine Opera­tion vorzutäu­schen. Das war gestern nacht um zwei Uhr.

   Jetzt war es sieben Uhr früh, und ich lag unter ei­ner Decke auf ei­ner Liege, die Beine etwas angewin­kelt, und räkelte mich. Der Duft nach Thymian und Ro­senöl, der tief in die Bronchien einzog. Die Meditati­onsmusik. Schlaf. Noch ein­mal etwas Schlaf. "Entspannen Sie sich, Mara", sagte die Kosmetikerin. Ich wurde wie­der etwas wach.

   Die Er­innerung an gestern Nacht. Das Haus in der Acker­straße im Ostteil der Stadt. Scheunen­viertel. Im dritten Hinterhof, wo die Lei­che von Konsul Krüger ge­legen hatte. Die Hausbewohner hat­ten die Poli­zei alar­miert und standen bei unserem Ein­treffen dicht gedrängt auf dem Hof. Die Leute von der Spurensicherung und Kom­missar Andres hatten Mühe, sich durchzudrängeln.

   "Hier kommt nur die Polizei rein", sagte ein unrasier­ter Mann in Pan­toffeln zu mir. Die Augen des Man­nes wanderten von meinen hoch­hackigen Pumps aufwärts und blieben ir­gendwo im Dekollete meiner zu tief ausge­schnittenen wildleder­nen Bluse und dem Platin­kettchen darin hängen. Wie hätte ich nach dem Abendessen mit Leo bei mir zu Hause auch ahnen sollen, dass mir noch der An­blick eines ka­strierten Kerls be­vorstand. Ich zeigte dem Mann meine Polizei­marke. Ihm klappte die Kinnlade herunter. Diese Bewegung schien ihn anzu­strengen; denn er ließ mich vorbei­gehen, ohne weiterzu­sprechen .

   Ich kämpfte mich zur Leiche durch. Ich starrte das ge­krümmte blu­tende Etwas neben dem Toten an und über­legte, wieviele Frauen­herzen es wohl gebrochen haben mochte. Und fast einmal meines, überlegte ich, und fand die ganze Situation plötzlich lächerlich. Kon­sul Krüger war mein Haus­nachbar. Vor ein paar Wochen war meine Hün­din durch den Gar­tenzaun auf die Terrasse sei­ner Villa gelaufen, um an seiner Grillparty teil­zunehmen. Der Konsul hatte mir seinen Weinkeller gezeigt. Die an­genehme Kühle des Kellers und der schwere Weindunst hatten uns beide ein wenig berauscht.

   Ich starrte versonnen den derangierten Unterleib des Konsuls an.

   "Sie müssen sich das wirklich nicht ansehen", sagte Kommissar An­dres.

   "Bin schon aufgeklärt." Ich bemühte mich um einen ver­ärgerten Ton­fall. Kommissar Andres war stets besorgt um mich wie eine Mutter. Ob­wohl er achtzehn Jahre jün­ger war als ich. Neununddrei­ßig. Aber wenn ich ehrlich war, hatte ich seine Fürsorge ganz gern.

   "Wer leitet hier die Ermittlungen?" Ein kleiner vier­schrötiger Mann um die sechzig trat aus ei­nem der Kellerausgänge, die auf den Hinterhof der alten Mietska­serne führten. Er räumte ein paar Bretter weg, um die Tür freizubekommen. Der Mann trug eine ge­strickte dunkelblaue Mütze nach Matrosenart, unter der dicht gewelltes, graues Haar hervorquoll. Er hatte Au­gen wie einer, der abwechselnd vom Instinkt und vom Suff lebt.

   "Ich bin der Hausmeister", lallte er, "Jasmin mein Name." Suff.

   "Hauptkommissarin Keller", sagte Andres und machte eine Handbe­wegung in meine Richtung. Ich wandte mich dem Mann zu. Jasmin. Na­türlich. Nach vierzig Jahren vergisst man Namen. Er er­kannte mich nicht.

   "Kannten Sie den Toten?" fragte ich Jasmin.

   "Wer kennt den nicht. Die waren doch neulich alle zur Besichti­gung hier. Dicke Daimler und so. Aus'm We­sten. Die Häuser hier werden ver­kauft."

   "War Ihr Vater früher hier auch schon Hausmeister?"

   "Versteh' ick nich." Instinkt.

   Ich sah zu den Fenstern im zweiten Stock herauf. Die linke Hälfte des Küchenfensters bestand immer noch aus undurchsichtigem brau­nen Glas statt aus weiáem. Ich fragte mich, ob dahinter immer noch zwei Flaschen Korn der Marke "Weizenfreund" standen. Damals gab es nur die eine Sorte. 1948. Die Männer waren aus der Kriegsgefan­genschaft zurückge­kehrt und hatten Schmerzen. Deshalb tranken sie. Oder fühlten nichts. Und tranken deshalb. Wie mein Vater.

   "Ist das Beweismaterial gesichert?", fragte ich Kommis­sar An­dres. Der nahm mit einer Pinzette den blu­tigen Fleischlappen, bug­sierte ihn in eine Plastiktüte und wurde grün im Gesicht.

   "Heute war der Typ dann wieder da." Instinkt. Ich nahm ein gol­denes Zigarettenetui aus meiner Tasche, klappte es auf und reichte es Jasmin herüber. Der steckte sich eine Camel hinter das linke Ohr und den Zwanzigmark­schein in die Hosentasche. "Im zweiten Stock, bei der Lilo, Lilo Mahlwein." Meine Schwester wohnte also immer noch hier.

   Wir bahnten uns durch das Gerümpel in den drei Hinter­höfen einen Weg auf die Straße zurück. Im letzten Haus­flur gab es kein Licht. Andres zündete ein Streich­holz an. Eine Ratte erschrak und schrie auf. Im vor­deren Hausflur brannte eine einzige Glüh­birne. Ei­ner der Beamten stol­perte über die abgebro­chene Holzver­schalung der Wände, die schräg in den Flur hineinragte. Der Leerraum zwi­schen Verschalung und Mau­erwerk wurde von den Hausbe­wohnern als Abfall­behälter benutzt. Farbe blätterte überall von den Wän­den. Ich ging zu dem schmalen Trep­penaufgang.

   "Ist heute sowieso niemand zu Hause", sagte Andres, "Dynamo Dres­den gegen ...".

   Ich kratzte mit den Fingern ein wenig der ehemals grünen Farbe von der Wand, genau neben der Lichtlei­tung, dann weitere Farbe von der dar­unterliegenden braunen Schicht, bis ein heller Fleck zu se­hen war. Darauf ein Herz und ein paar Buch­staben. "Mara und Lilo."

   Gegen drei Uhr morgens war ich in mein Haus in der Kö­nigsallee in Grunewald zurückgekommen. In der Villa von Kon­sul Krüger ne­benan war es dunkel. Frau Krüger wusste noch nichts von dem er­bärmlichen Ende ihres Man­nes. Sollte Andres ihr das beibringen. Ich hatte keinen Bock darauf. Meine Hündin sprang mich an und leckte mir das Gesicht ab. Ich hinterließ Vanda eine Nachricht auf Ton­band. Ich war eine gute Kundin ihres Kosmetiksa­lons.

   "Sie sehen phantastisch aus! Mit fünfundfünzig!" Sie­benundfünfzig. Vanda war dreißig. Ich hatte zwei Jahre heruntergeschwin­delt. Ich kaufte Vanda zwei Cre­metöpfe zu je 140 Mark ab und gab ihr zwanzig Mark Trink­geld.

   Ich stieg in meinen Saab und kam kurz vor halb neun im Kommissa­riat an. Irgendwie schienen alle aufge­regter zu sein als sonst. Frau Zieske, die Sekretärin, sah mich sonderbar an. Ich ging in mein Büro. Ich musste lä­cheln. Ein Blumenarrangement aus blauen Lilien, gelben Narzis­sen und Seegras stand auf meinem Schreibtisch. Leo. Süß wie immer. Neben der Vase ein Plastiksäck­chen mit einem Zet­tel daran und einem blutigen Stück­chen Fleisch darin. Emma. Das konnte nur Kommissarin Emma de la Ro­che getan haben. Meine jüngere Kolle­gin. Sie machte ausschließlich ihrem Vornamen Ehre. Sie hatte ein Tem­perament wie die Henne in der Fernsehserie 'Graf Duc­kula' und sah auch so aus. Nach meiner Pensio­nierung würde sie meine Nachfolge­rin sein. Ich riss die Tür auf.

   "Wer hat den Scheiß hier liegenlassen?" Emma kam aus dem Neben­büro angerast. Ich wunderte mich, dass sie mit ihren neunzig Kilo nicht durch die Wand donnerte wie in Graf Duckula.

   "Das gehört in die Gerichtsmedizin! Wer schlampt hier so?!"

Kommissarin de la Roche musterte missgünstig mein weißes Seidenko­stüm, ehe sie antwortete.

   "Wir dachten, Sie sollten das sehen."

   "Was für'n Quatsch."

   "Dies ist nicht, wie soll ich sagen, das Glied von Kon­sul Krüger...", bemerkte Emma.

   "Wessen Pimmel denn sonst?"

   "Wohl heute nicht auf Dame geeicht, wie?"

   "Auf Schwänze."

   "Der Hausmeister aus der Ackerstraße, es ist heute früh passiert, Jas­min, ja, tatsächlich, Jasmin hieß der."

   Hannes. Hannes Jasmin. Die Jas­mins hatten die Nach­barwohnung. Ihr Küchenfenster lag direkt neben unserem, dem mit der dunkel­braunen Glas­scheibe. Hannes war bei al­len Mädchen der begehrteste Junge. Denn er hatte ein Fahrrad. Aus uner­gründlichen Quellen hatte er Farbe aufge­stöbert, um die rostigen Stellen zu über­streichen, die das Gefährt im Laufe des Krieges ange­sammelt hatte. Hannes war drei Jahre älter als ich und ich war das einzige Mädchen, das vorne bei ihm auf der Stange sit­zen durfte. Obwohl meine jüngere Schwe­ster Lilo viel hübscher war als ich. Sie war damals elf. Nach dem Tod unserer Mut­ter hatte sie sofort alle Hausfrauen­pflichten über­nommen. "Geh mit Han­nes Radfah­ren", sagte mein Vater oft zu mir, wenn er von seinen Gelegenheits­arbeiten nach Hause kam, nach dem "Weizenfreund" hinter der braunen Glasscheibe griff und zu uns ins Wohnzimmer kam. "Komm doch mit!" sagte ich manchmal zu Lilo. Aber sie blieb bei meinem Vater. Ich kümmerte mich nicht um das Geheimnis der beiden.

   "Du Bullenschwein, fass mich nicht an!" Die krei­schende Frauen­stimme kam aus dem Flur. "Leckt mich am Arsch!" Die nächste Krei­scherin. Ich ver­misste die Stimme von Kommissar Andres. Er verstand es im all­gemeinen, aufgebrachte Besucher zu beruhigen. Die Tür meines Bü­ros wurde aufge­rissen. Emma stemmte mit beiden Armen vier junge Frauen durch die Tür. Alle vier trugen grau-blaue Anoraks und hatten str„hnige Haare. Ich lächelte sie an. Nicht weil ich sie sympa­thisch fand, sondern weil sie Emma als "Bullenschwein" tituliert hatten. Die vier lä­chelten zu­rück. Ihr Blick blieb an meinen soeben lac­kierten knallroten Finger­nägeln haf­ten, mit denen ich in der Luft herumwedelte. Sie setz­ten sich brav und übten sich in weiblichem Verständnis.

   "Was kann ich für Sie tun?" fragte ich.

   Die vier begannen sofort wieder durcheinanderzu­kreischen. Ich suchte mir die größte von ihnen heraus. Sie war Ende zwanzig und wirkte auf mich wie ei­ne Leh­rerin. Sie trug Turnschuhe, billige hell­blaue Jeans, einen rot-gelb gestreiften Pullover aus Synthe­tik, dar­über einen gesteppten Anorak. Grau-Blau. Auf ihrem Schoß hielt sie eine Handtasche aus fein­stem Nappale­der im Ak­tenformat, die min­destens sechshundert Mark geko­stet ha­ben musste. Erste westliche Dekadenz-Ambitio­nen. Wenig­stens etwas Hoffnung. Ich beugte mich zu ihr rüber. So­fort packte sie einen Haufen Akten aus. 

   "Ihre Kollegen glauben, wir haben was mit den Mor­den zu tun."

   Mein Schreibtisch füllte sich mit Pa­pierkram.

   "So?"

   "Weil wir die Häuser in der Ackerstraße besetzt hal­ten, aber wir...."

   "Wir?"

   "Na wir alle. Wir wohnen da. übrigens Lanza, ich heiße Mary Lanza."

   "Keller, Mara Keller".

   "Wir haben mit unserem Magistrat verhandelt. Und wir haben mit Ih­rem Senat verhandelt. Schauen Sie!"

   Die ersten Papierbündel begannen über die Kanten mei­nes Schreib­tisch auf den Boden zu rutschen. Ich sah einen Haufen amtli­cher Stempel auf den Papieren.

   "Wir bringen doch keinen um!"

   "Besonders keinen von uns."

   "Den Jasmin".

   "Obwohl dem sein Vater Blockwart war."

   Alle redeten auf einmal.

   "Ruhe! sagte ich. "Bitte, Frau Lanza."

   Die Lehrerin bückte sich und zog mit einer ge­zielten Bewegung einen Zettel aus dem Papierberg auf dem Fußboden.

   "Da!"

   Das Schriftstück war vor vier Ta­gen datiert. Konsul Krüger er­klärte sich darin bereit, von der Ersteigerung der fraglichen Grund­stücke in der Ac­kerstraße abzuse­hen, sofern der Magistrat mit den Be­setzern Nutzungs­verträge abschlösse.

   Schien ein Goldjunge gewesen zu sein, mein Konsul.

   "Wissen davon alle?"

   Die Lehrerin kroch noch einmal unter meinen Tisch und hielt mir tri­umphierend ein Flugblatt unter die Nase.    Datiert vor drei Tagen. Mit be­sagter Erkl„rung des Konsuls darauf.

   "Wer hat Sie eigentlich hergebracht?" fragte ich.

   Gekreische.

   "Stasi-Typen. Jetzt alles West-Bullen."

   "Sie können gehen", sagte ich zu der Lehrerin. Ich war­tete nicht, bis sie ihre Papierberge eingesam­melt hatte, sondern ging zur Tür.

   Gekreische im Flur. Junge Leute, alle mit Anoraks und hellblauen Jeans. Mittendrin Andres. Ich drängelte mich zu ihm durch. "Was sagt die Gerichtsmedizin?"

   Gekreische. "Wie?" brüllte Andres.

   "Die Todesursache von Krüger und Jasmin!?"

   "Rattengift. KMNS-113."

   "Wie?"

   "So heißt das Zeug. Die einzige Sorte, die es in der DDR gibt ... der ehemali­gen..." Gekreische.

   "Kastriert wurden sie später." Gekreische.

   "Was wollen die alle hier?"

   "Es könnten Kriminelle in der Hausbesetzerszene sein. Vielleicht aus dem Westen importiert."

   "Dann wissen Sie ja, womit Sie sich bis heute abend be­schäftigen kön­nen."

   Der arme Andres. Ich wedelte mit meinen roten Fin­gernägeln in der Luft herum und ging den Flur ent­lang. Nachher würde ich Leo anrufen und mich für die Blumen be­danken. Er würde eine Flasche Dom Perignon mitbringen und seiner Frau am nächsten Morgen eine Lüge erzählen.

   Ich setzte mich in den Saab und fuhr zur Acker­straße zurück. Das Fen­ster mit dem braunen Glas. Ich ging hoch und klingelte. Niemand öff­nete. Ich hatte mich oft gefragt, wieso ich Lilo nach dem Tod un­seres Vaters nie mehr wiedergesehen hatte. Wahrscheinlich war un­ser Leben zu ver­schieden geworden. Ich hatte mit dem Psycho­logiestudium begonnen und kurz danach Frédéric Keller kennenge­lernt. Eigentlich war er in Lilo verliebt. Sie stellte ihn mir vor, und einen Monat später waren Frédéric und ich ver­heiratet. Frédéric stammte aus einer wohlhabenden Genfer Familie und wollte Wissen­schaftler werden. Wie ich auch, bevor ich bei der Kripo landete. Wir zogen in den Westen der Stadt. Später in das Haus in der Königsal­lee, in dem ich immer noch wohnte.

   "Du bist pathologisch verliebt in den Dreck, in den du dich bei deiner Arbeit eingräbst!" Das war der ein­zige grobe Satz Frédérics in unserer vier­zehnjährigen Ehe. Einen Monat vor der Scheidung.

   Nach meinem Staatsexamen hatte ich Lilo noch einmal besucht. Am Abend war mein Vater wie üblich be­trunken nach Hause ge­kommen. Er sprach kein Wort mit mir. Er nahm eine Flasche Korn, stand auf und sagte zu Lilo: "Komm". Beide verschwanden für eine Weile im Badezim­mer. Als sie zurückkamen, knöpfte mein Vater seine Hose zu und Lilo hatte leere Augen. Inzwischen wusste ich, was das bedeutete. Aber ich stand auf und ging nach Hause, ohne etwas zu sa­gen. Dies alles war nicht mehr mein Leben. Bis ge­stern.

   Ich ging durch die drei Hinterhöfe wieder nach vorn und blieb an der Stelle im Hausflur stehen, wo ich die Farbe abgekratzt hatte. Zum er­sten Mal in den letzten zwei Ta­gen wurde mir bewusst, dass die beiden ka­strierten Toten zu meinem Le­ben gehörten. Ich hoffte, dass es ein Zufall war.

   Ich ging auf die Straße zurück ein paar Häuser wei­ter. "Schokoladenfabrik" stand über einer verwitterten Haustür. Es schien eine Kneipe zu sein. Ich kämpfte mich durch verschiedene Wolldecken, die ih­ren offen­sichtlichen Zweck, vor Zugluft zu schüt­zen, verfehlten, und be­trat das Lokal. Es war ein schmuddliger Raum, der von einem eisernen Ofen mühsam beheizt wurde. Jetzt am späten Nach­mittag war noch nicht viel los. Nichtssa­gende po­litische Pla­kate an den Wänden, Holz­stühle, und ein Tresen, über dem ein Schild mit der Aufschrift "Flaschen und Ge­tränke" hing. Davor eine Traube von Kids zwischen fünfzehn und fün­fundzwanzig. Die meisten tranken Schokolade mit Sahne­häubchen dar­auf. Die we­nigsten Alkohol. Niemand be­achtete mich. Ich be­stellte auch eine Schokolade. Ich beobachtete eine nied­liche Ost-Studentin mit Pferde­schwanzfrisur, die sich mit ei­nem Weststudenten unter­hielt. Der Wessi er­läuterte ihr ausgiebig, wie langwei­lig es in Australien und Kanada sei. Die Kleine lächelte höflich.

   "Wie lange gibt's das Lokal hier schon?" fragte ich aufs Gerade­wohl in die Runde.

   "September '89". Zehn paar naiv-stolze Kid-Augen fixierten mich.

   "Habt Ihr was mit den Hausbesetzern zu tun?" Ich überlegte, ob das "du" passend war.

   "Sind wir selber". Zehn noch stol­zere Kid-Augen­paare.

   Ich trank meine Schokolade zu Ende und ging. Ich war überzeugt, daá ich hier nicht weiter zu suchen brauchte.

   Ich fuhr die Ackerstraße hinunter bis zu den Über­resten der ehemali­gen Mauer, in den Westteil der Stadt. Langweilige Neu­baufassaden aus den sechzi­ger Jahren, Stadtautobahn, Kurfürsten­damm, Halen­see, König­sallee. Villen aus der Gründerzeit mit riesi­gen Säulenportalen. Gusseiserne Gartenpforten ohne Namens­schilder. Dazwi­schen das kleine Jugendstil­haus, das Frédéric mir nach unserer Trennung geschenkt hatte. In der Nachbarvilla brannte diesmal Licht. Ich be­schloss, Frau Konsul Krüger einen Höflich­keitsbesuch ab­zustatten. Eine Hausange­stellte mit blau ge­färbten Haa­ren und schnippischem Ge­sicht öffnete auf mein Klin­geln. Frau Krüger schob sie grob zur Seite.

   "Sorgen Sie dafür, dass Ihr Hund aus meinem Garten verschwin­det."

   "Ich leite die Ermittlungen wegen Ihres Mannes."

   "Seit zehn Jahren lassen Sie Ihren Zaun nicht repa­rieren."

   "Es tut mir leid", sagte ich, obwohl es nicht stimmte. Frau Krüger sah in ihrem schwarzen Leinenko­stüm, den hochgesteckten dunklen Haa­ren mit den win­zigen wei­ßen Fäden darin und ihrem dezentem Make Up noch eleganter aus als sonst. Sie war fünundvier­zig und stammte aus ei­ner ari­stokratischen Familie.

   "Es tut mir leid", sagte ich nochmal und meinte es ernst. Die Haus­angestellte verschwand und ich setzte mich in einen der Leder­sessel in der riesi­gen Diele, deren Wände mit geschmacklosen dori­schen Säulen ver­ziert waren.

   "Ich dachte manchmal, Sie hätten eine Affäre mit meinem Mann", sagte Frau Krüger und bewahrte dabei ihre aristokratische Fassung.

   "Haben Sie in letzter Zeit fremde Personen be­merkt?"

   "Nein". Frau Krüger überlegte. "Nur eine blonde Frau, sie ging erst zu Ihrer Tür, dann zu meiner und noch ein paar mal hin und her."

   Ich ging zu meinem Haus rüber. Der Anrufbeantworter blinkte. Frédéric. Ich wählte die Genfer Nummer.

   "Was machst du immer so?" Frédérics Stimme klang beruhigend wie immer.

   "Dreck. Erzähl mir was von dir."

   "Das Übliche. Ein neues Buch. Über Resozialisierung von Straftätern."

   "Du gibst wirklich nie auf."

   "Deine Schwester Lilo hat mich angerufen. Nach so vielen Jahren, ob ich mal nach Berlin käme. Komisch, wie?"

   Einige der Lichter in der Villa nebenan wurden aus­gelöscht.

   "Lass dir Zeit mit dem Kommen."

   "Steckst du in Schwierigkeiten?"

   "Nein."

   "Dann komm hier her. Es ist schön hier im Früh­ling."

   "Bald. Ganz sicher."

   Die Lichter in Konsul Krügers Villa waren erlo­schen. Ich rief Leo an. Ich sehnte mich nach der Wärme seines Körpers. Aber vor­her hatte ich etwas zu erledi­gen. Ich schnallte mir das Halfter mit der 9 mm-Automa­tik um und zog ein schwarzes Chanel-Kostüm darüber. Ac­kerstraáe. Zum drit­ten Mal heute. Ecke Invali­denstraße. Ich ging durch einen engen Gang in den zweiten Hinter­hof bis zu dem hell erleuch­teten Schild "Altdeutsches Ballhaus". Ich bezahlte ei­nem Por­tier mit schwarzen An­zug und Fliege zwei Mark und zehn Ein­trittsgeld, ging die paar Stufen bis zur Bar hinun­ter und betrat den riesigen Saal. Ich blieb stehen und schloss die Augen. Die Luft schien stickiger zu werden. Bierdunst. Schweißgeruch. Das Stampfen der Tänzer auf dem Parkett. Die drittklassige Kapelle auf dem Podest vorne.

   Lili Marleen, Caprifischer, Hans Albers. Die fla­niernden Mäd­chen des einstigen Café Bauer, das inzwi­schen ein Trümmerhaufen war, hier konn­ten sie wieder sein, die sei einmal waren, bevor die Sorge um die kar­gen Lebensmittelrationen und die vom Kriege kran­ken Männer ihren Gesich­tern das Leben ge­stohlen hatte. Und wir Jungen. Lilo, ich, Hannes, Frédéric und die ande­ren, die wir noch nicht ver­stehen konn­ten, dass das Le­ben, das zu diesen Liedern passte, für immer vorbei war. Es war uns auch egal. Ich schlug die Augen wieder auf. Die ölige Stimme von En­gelbert klirrte aus zwei Laut­sprechern durch den leeren Tanzsaal. Ich ging zur Bar.

   Am rechten äußeren Ende des Tresens stand ein schmäch­tiger Mann um die vier­zig mit Menjou-Bärtchen, schlecht gebügeltem dunkel­blauem Anzug und traurigem Blick. Am linken Ende, mit dem Rücken an die Wand ge­lehnt, saß eine dicke Frau un­bestimmten Alters. Sie hatte eine platinblond ge­färbte Ponyfrisur in der Art eines jungen Mädchens. Sie war betrunken. Sie trug eine knallrote Bluse aus durchsichtigem Stoff, durch den man die Fett­polster zwischen den zu engen Trägern ihres Büstenhal­ters und die Orangenhaut an den Oberarmen deut­lich se­hen konnte. Ihre Augen wa­ren hinter Tränen­säcken und falschen schwarzen Wimpern versteckt. In der Mitte zwi­schen den beiden saß ein Mann Mitte fünfzig mit zwei Fla­schen Krim­sekt und freundlichen blauen Au­gen. Ich ging auf die Frau zu.

   "Guten Tag, Lilo."

   Meine Schwester sah mir einem Moment lang fest in die Augen. Dann verrutschte ihr Blick wieder und schwamm über mein Chanel-Ko­stüm.

   "Jetzt kommst du erst?"

   Lilos kindliche Stimme hatte sich seit damals nicht verändert.

   "Warum!?"

   Lilo schwankte auf ihrem Barhocker hin und her. Ich stützte sie am Arm ab.

   "Warum!?"

   "Warum ich sie getötet habe? Deine Liebhaber?"

Unter den überschminkten Tränensäcken die wissenden Augen ei­nes elfjährigen Mädchens.

   "Ich hätte dich mit Vater nicht allein las­sen dür­fen", sagte ich, "ich habe das damals nicht ver­standen."

   "Du wolltest es nicht verstehen."

   "Ich wollte leben."

   "Du hast sie mir weggenommen. Alle, die mir geh”r­ten. Hannes, Frédéric..."

   "Konsul Krüger hat dir nicht gehört. Er war nur mein Nachbar."

   "Hätte Frédéric mich geheiratet, wäre er heute mein Nachbar."

   Lilos kindliche, allwissende Stimme. Ich erkannte, dass sie wahn­sinnig war. Seit jenem Tag in ihrem elften Le­bensjahr, als mein Va­ter sie das er­ste Mal vergewal­tigt und ich nichts dagegen getan hatte.

   "Ich werde dich in ein Heim bringen. Du wirst es gut dort haben ..."

   Blue Spanish Eyes klirrten aus den Lautsprechern. Der Kerl mit dem Menjou-Bärtchen kam auf uns zu. Er schwitzte vor Aufregung. Er for­derte Lilo zum Tanz auf. Sie waren das einzige Paar auf dem Parkett. Der Mann quetschte Lilos Bauch gegen seinen schmächtigen Körper, damit er sie mit dem Arm umfassen konnte. Lilo warf mir einen triumphierenden Blick zu.

   Ich tastete nach der 9 mm-Automatik unter meiner Chanel-Jacke. Der Mann mit den zwei Krimsektflaschen sah mich freundlich an. Ich lächelte zurück. Ich hätte gern mit ihm geflirtet. Mir war schwindlig. Ich ging durch die zwei Hinterhöfe auf die Straße zu­rück. Meinen Saab ließ ich stehen. Ich ging über eine Stunde zu Fuß und nahm mir dann ein Taxi bis nach Hause.  

   Im Wohnzimmer brannnte Licht. Leo hatte einen Haus­schlüssel. Ich nahm den Pistolenhalfter ab und zog mich aus. Ich betrachtete ich mich im Spiegel. Mein Körper war schlank und durchtrainiert. Er gefiel mir. Ich ging ins Schlafzim­mer. Leo lag auf dem Bett. Die Beine leicht ge­spreizt. Die Flasche Dom Perignon war herun­tergefallen. Ich hob sie auf. Über das ganze Bett war Blut verspritzt. Leo hatte Schaum vor dem Mund. Ich fragte mich, wie Lilo es in der kurzen Zeit­spanne ge­schafft hatte, ihm das Rattengift einzuflößen. Ich legte ein Kissen auf Leos ent­blößten Unterleib. Die Wand rechts neben mir senkte sich im spitzen Winkel zu mir herunter. Kurz be­vor ich mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug, konnte ich mich mit der rechten Hand abfan­gen. Ich zog Rock und Jacke des Cha­nel-Ko­stüms an. Sonst nichts darunter. Die 9 mm Au­tomatik ließ ich lie­gen. Taxi. Ackerstraße. Das Fenster mit der braunen Glasscheibe. Dies­mal erleuchtet. Die Wohnungstür war offen. Meine Schwester stand am Fensterbrett und schaute zum Hof hinaus.

   Ich blieb in der Tür stehen.

   Ich zog Jacke und Rock meines Chanel-Kostüms aus und ließ bei­des auf den Boden fallen. "Sieh mich an!"

   Lilo wandte ihren Blick vom Fenster weg. Sie starrte mich an. Ich fühlte mich sicher.

   "Zieh dich aus!"

   Lilo blieb bewegungslos am Fenster stehen.

   "Zieh dich aus!"

   Lilo knöpfte ihre rote Bluse auf und zwängte ihre Arme durch die zu engen Nähte. Ich lieá sie nicht aus den Augen. Sie nestelte am Verschluss ihres Büsten­halters herum, der seitlich von verbogenen Stangen ge­halten wurde. Lilos milchig-weißer, aufgedunsener Kör­per begann zu zittern. Sie verkreuzte ihre Arme vor ih­rem Bauch und bedeckte mit den Händen ihre Brüste. Schwarze Wimperntusche lief über ihre Wangen. Eine Art Grunzge­räusch und ein wimmernder Laut kamen zugleich aus ihrer Kehle.

   Meine schöne junge Schwester weinte.

   "Weiter!" befahl ich.

   Lilo tastete mit einer Hand hinter sich, zum Reiß­verschluss ihres Roc­kes. Für einen kurzen Moment be­trachtete ich mich im Spiegel über der Spüle. Sieg. Mitleid. Beides. Ich ging langsam auf meine Schwester zu. Zu spät sah ich das Messer in ihrer Hand. Ein spit­zes Küchenmesser. Sie stach blitzschnell zu. Mit einer raschen Bewe­gung drehte ich mich zur Seite, so dass das Messer nur eine leichte Wunde in mei­ner linken Hüfte verursachte. Lilo griff sofort wieder an. Ich versuchte ihr mit dem lin­ken Arm das Messer aus der Hand zu schlagen. Aber ich hatte ihre Kraft unter­schätzt. Sie stach noch einmal zu und traf meinen Arm. Ich unter­drückte den Schmerz, stützte mich mit beiden Hän­den am Küchentisch hinter mir ab, riss meine Füße hoch und rammte sie in ihren Bauch. Lilo schwankte be­nommen hin und her. Ich verpasste ihr einen Kopfstoß.

   Meine schöne junge Schwester brach zusammen und blieb leblos am Boden liegen.

   Zwei Straßen weiter fand ich eine Telefonzelle und weckte Kommis­sar Andres und Emma. Ich vergaß mein Por­temonnaie in der Telefonzelle und ging den weiten Weg zur Königsallee zu Fuß. Ein paar Mal verlief ich mich. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass morgen das ganze Kom­missariat müde und schlechtgelaunt sein würde. Besonders Emma. Gegen vier Uhr morgens war ich zu Hause. Andres hatte die Spuren des Mordes, so weit es ging, besei­tigen las­sen. Ich ließ mich in einen Sessel fallen und streckte die Beine aus. Laika sprang auf meinen Schoß und leckte mir das Ge­sicht ab.

   Hunde mögen das Salz der Tränen.....

 

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